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RAUS AUS DER KOMFORTZONE UND REIN INS ABENTEUER.

 

Ein Bericht zwischen Storytelling und Amateur-Ratgeber

 

Dome und ich lieben es an der frischen Luft zu sein. Zu unserer Vorstellung von Urlaub gehört auch immer ein wenig das Abenteuer dazu. Als wir auf die Seite von Scandtrack (Anbieter für Kanu- und Outdoorreisen in Schweden) stießen, waren wir sofort Feuer und Flamme für die Vorstellung eine „Kanutour auf eigene Faust“ zu machen. Das Grenzgebiet zwischen Schweden und Norwegen, rund um den weitläufigen See Foxen (mit dem Auto ca. 1,5 Sunden von Oslo und 3 Stunden von Göteburg entfernt), sollte unsere neue Heimat auf Zeit werden. Weit entfernt von Massentourismus und All Inclusive-Angeboten. Keine bunten Schirmchen die den Strand überfluten, kein Wettlauf um die beste Liege am Pool (wir haben einen Urlaub dieser Art noch nie erlebt und das soll auch so bleiben, für so etwas sind wir definitiv nicht der Typ).

Mit einigen Wunschvorstellungen und damit verbundenen Schlagwörtern wie „simple life“, „back to the roots“ und „digital detox“ buchten wir also unser kleines Outdoor-Abenteuer.

 

 

Einfach mal los - Kategorie Route.

 

Wir haben uns vor Reiseantritt nicht sehr ausführlich mit der Routenplanung beschäftigt. Zum einen weil wir mehr oder weniger bis kurz vor Abfahrt nicht wussten, ob wir Corona-bedingt überhaupt fahren können. Zum anderen haben wir uns auch ein Stück weit bewusst dagegen entschieden. Mehr Freiheit durch weniger Planung war unser Motto. Letztendlich stand für uns nur fest, dass wir uns erstmal Richtung Norden bewegen wollen. In den Youtube-Videos hieß es oft, im Norden sind weniger Leute unterwegs. Das klang gut.

Die Landschaftskarte (aus den Reiseunterlagen) haben wir dann tatsächlich auch erst nach dem zweiten Tag das erste Mal gecheckt. Und wer hätte das gedacht?! Wir hatten keinen blassen Schimmer wo wir uns in dem Moment befanden. Als Navigationssystem-verwöhnte Reisende beschäftigt man sich ja in der Regel auch nicht so oft mit Kartenmaterial. Zum Glück war nur wenige Meter vor uns ein anderes Kanu sichtbar. Zwei Jungs die gerade Rast an einem Felsufer machten. Dank unserer kurzen Kontaktaufnahme zu den Beiden wussten wir nun auch wieder wo wir sind (kurz vor dem Übergang des Foxen in den Stora Le). Von diesem Zeitpunkt an haben wir die Orientierung nicht noch einmal verloren – Captain Dome sei Dank!

Wir schlugen unser Camp nur für eine einzige Nacht an einem DANO auf (DANO Nr. 41 ein tolles, aber auch sehr beliebtes DANO). DANO ist im eigentlichen Sinne ein gemeinnütziger Verein von Grundbesitzern, Kanuverleihern und Kommunen. Sie stellen einfache, mit kleinen Schutzhütten und Biotoiletten ausgestattete, Lagerplätze in der Region zur Verfügung - völlig kostenlos. Das Wort setzt sich aus DAlsland und NOrdmarken zusammen, die Seenlandschaft in der wir uns bewegt haben. Die Lagerplätze selbst werden ebenfalls als DANOs bezeichnet.

Die restlichen Tage machten wir Gebrauch vom Jedermannsrecht und bauten unser Zelt auf kleinen Inseln auf. Eine gute Wahl. 

Wir haben uns bewusst gegen eine strikte Routenplanung entschieden und wollten uns lieber treiben lassen (nicht im wörtlichen Sinne, sonst wären wir vermutlich jetzt noch auf dem Foxen). Mit einer vorherigen Planung  reist man wahrscheinlich effizienter (sieht unterschiedlichere Orte und kann Streckenabschnitte besser umsetzen), für uns war das Treibenlassen aber genau richtig. Lediglich einen Ort hatten wir uns bereits in Deutschland zur Erkundung ausgesucht ..

 

 

In the middle of nowhere – die Endstation für Fahrzeuge bei Båstnäs.

 

So viele Schätze aus den 50er-70er Jahren - der Autofriedhof bei Båstnäs ist ein wirklich skurriler Ort. Mitten im Wald, in der Wildnis des Grenzgebietes zwischen Schweden und Norwegen, lagern ca. 1000 Karossen von Volvo bis Ford. Die Natur hat einen großen Teil der schönen Wracks bereits überwuchert. Bei all den halbzerfallenen Überbleibseln aus jahrzehntelangen Ansammlungen spürt man einen Hauch der Geschichte hinter diesem einsamen, rauen Ort.

Nur einen knappen Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt bauten sich die Gebrüder Ivansson in der Nachkriegszeit eine Schrauberwerkstatt auf, welche im Laufe der Zeit zu einem verschachtelten Schrottplatz wurde. Von 1955 bis 1986 zerlegten sie hier Autos in ihre einzelnen Teile um sie dann von Schweden nach Norwegen zu importieren. Auf der anderen Seite der Grenze wurden sie dann wieder zusammengesetzt. Ursprünglich nutzten sie damit eine Gesetzeslücke die den Import von ganzen Autos, aber eben nicht von Einzelteilen nach Norwegen, verbot. Noch lange nach dieser spannenden Ära wurden weiterhin Autowracks hier abgestellt.

Wir hatten das Glück einem sehr dicken Hasen und nur wenigen anderen Menschen zu begegnen. Allerdings ist dieser magische Ort längst kein Geheimtip mehr. Einen Besuch aber allemal wert!

 

 

Ein Leben aus der Provianttonne – Kategorie Versorgung.

 

Frischluftschlemmen  – fernab von Induktionsplatten, Schnellkochtöpfen und Wasserkochern. 

Die Essenzubereitung über offenem Feuer, der Lagerfeuerklassiker Stockbrot und frische Beeren direkt aus dem Wald, das waren meine romantischen Vorstellungen vor Reiseantritt. Diese wurden dann auch eigentlich genauso erfüllt. Zumindest in unserer einzigen Nacht an einem DANO konnten wir die Sehnsucht nach einem echten, zünftigen Lagerfeuer ausleben. Schwierig war nur, alle Gelüste nach „über-dem-offenen-Feuer-gerösteten“ gleichzeitig zu stillen. Wir entschieden uns abends für Stockbrot (na klar, ein Muss!) und einen Kartoffel-Bohnen-Tofu-Tomaten-Eintopf. Sehr lecker! Morgens habe ich dann fix einen Pancake-Teig angerührt und Blaubeeren gesammelt. Unbeschreiblich.

Wer sein Anglerglück sucht (in Schweden braucht man keinen Angelschein, nur eine Angelkarte die man im Basiscamp bei Ankunft kaufen kann), sollte mehr als nur ein bisschen Geduld mitbringen. Unsere Geduld hat jeden Tag ungefähr für ein bis zwei Stunden angehalten. Eines haben wir gelernt: bei Hitze treiben sich die Hechte am Boden des Sees rum. Da wir die komplette Woche nur strahlenden Sonnenschein und Temperaturen um die 28° genießen konnten (zugegeben: das war sicher nicht der einzige Grund), wurde unser „Petri Heil“ nicht erhört. Kein Fisch für uns. Ohne die reichhaltige Provianttonne (wir haben die vegetarische Variante gegen 15 Euro Aufpreis für 2 Personen gewählt), hätten wir uns wohl eine Woche nur von Blaubeeren ernähren müssen.

Seewasser abkochen oder filtern? Am ersten Tag unserer Tour haben wir Wasserfiltertabletten (von Decathlon) benutzt – sicher ist sicher! Diese hinterließen im Wasser aber einen ziemlich starken Geschmack nach Chlor. Wir beschlossen es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Das Wasser holten wir mit dem großen Kanister aus unserer roten Ausrüstungskiste aus der Mitte des Foxens (wie von Scandtrack und einschlägigen Outdoor-Experten empfohlen). Vielleicht lag es daran, dass wir beide keinen besonders empfindlichen Magen haben, aber zum Glück hatten wir die gesamte Woche über keine Probleme und sind gut damit gefahren das Seewasser ohne Filtern oder Abkochen zu trinken.

 

 

Was muss sonst noch mit? – Kategorie Ausrüstung.

 

Da das Scandtrack-Team ja bereits die wichtigsten Dinge in der Ausrüstungskiste zur Verfügung stellt (nachzulesen auf der Homepage), kann man es, was zusätzliches Gepäck angeht, wirklich ruhig angehen lassen. Natürlich hängt es von euren persönlichen Vorstellungen ab, welche Gegenstände ihr zu eurer Packliste ergänzen möchtet. Wir haben uns auf einige wenige „Luxus“-Artikel und kleine, hilfreiche Gimmicks beschränkt: ein Geschirrhandtuch, eine Tupper-Faltschüssel (perfekt für die Teigzubereitung von Stockbrot und co., aber auch als Müslischale), unsere Festival und Island erprobten Jägermeister-Metallbecher, Plastikteller- und Klickbesteck, Gaffa (hält bekanntlich die Welt zusammen), Microfaser-Handtücher (eine echte Bereicherung für Outdoor-Abenteurer – ultra schnelltrocknend und geringes Packmaß), Lightweight-Hängematte, aufblasbare Isomatten, Doppelschlafsack (klingt romantisch – ist er auch halbwegs), Campinglampe (für das Anhängen unter der Zeltdecke), Stirnlampe, Solarpowerbank, kleine JBL-Box (haben wir nicht gebraucht – Klänge der Natur wie z.B. das Wellenrauschen und Vogelgezwitscher waren viel zu schön). Die meisten Sachen haben wir für wenig Geld bei Decathlon gekauft. Einige Dinge wie z.B. den Schlafsack und die Isomatten hatten wir uns im Vorjahr extra für Island angeschafft.

Ein absoluter Luxusartikel war unsere kleine 2-Tassen-Frenchpress. Da in dem Lebensmittelpaket von Scandtrack löslicher Kaffee enthalten ist, war dies wirklich purer Luxus. Wir trinken beide sehr gerne Kaffee und wollten uns von der Vorstellung morgens mit einem guten, frisch aufgebrühten Kaffee in den Tag zu starten, nicht lösen. 

Als Frau mit längeren Haaren kann ich auch nur zu einem Ersatzzopfgummi raten (mehr dazu unter Kategorie Anekdoten). Für mich persönlich wäre auch eine zweite Sonnenbrille hilfreich gewesen. Am vierten Reisetag ist meine in der Mitte zerbrochen und leider hielt auch das Gaffa nicht besonders gut auf dem Material (Harry Potter war nichts gegen mich). 

 

 

Die kleinen Momente - Kategorie Anekdoten.

 

Wie vermutlich Viele sind auch wir mit dem Gedanken losgereist möglichst wenig Menschen in unserer Woche in Schweden zu sehen. Im Großen und Ganzen kann man das Alleinsein auch recht gut einrichten. Als Tip können wir euch an dieser Stelle geben: nutzt das schwedische Jedermannsrecht. Solange ihr euch an die Regeln haltet (nicht auf Privatgrundstücken campen, kein offenes Feuer, keinen Müll rumliegen lassen und jeden Tag den Schlafplatz wechseln) bietet die schwedische Wildnis rund um den Foxen so viele wundervolle Lager-Plätze. Wir mussten unser kleines Stück vom Glück nicht für eine einzige Nacht teilen. Für alle die ab und zu doch ein wenig menschlichen Kontakt suchen wollen, ergeben sich oft genug Gelegenheiten für einen kleinen Austausch mit anderen Reisenden. Auch wir empfanden die kurzen Gespräche am Ende als überraschend nett. Egal ob einen kurzes „Fachsimpeln“ über das Angeln, das Erkundigen nach dem derzeitigen Standort oder die Bitte nach einem Zopfgummi.

Wie bereits kurz erwähnt ist mir meins direkt am dritten Tag gerissen und beim Verlassen des DANO Nr. 41 gaben wir uns mit einem anderen Pärchen die Klinke in die Hand. Beim Be- und Entladen unserer Kanus ergab sich ein nettes, kurzes Gespräch welches in der Frage meinerseits nach einem Ersatzzopfgummi gipfelte. Vielen Dank noch einmal an dieser Stelle für das Aushelfen.

Kleine Begegnungen mit der schwedischen Tierwelt gab es einige wenige – aber schön waren sie (fast) alle. Als wir das Zelt nach der ersten Übernachtung abbauten kam eine sandige, leicht verstörte Erdkröte zum Vorschein. Der kleine Kumpel hatte wohl in der Nacht die Wärme unter unserem Zelt gesucht. Beim genaueren Hinsehen hatte sein Körper eine richtige kleine Mulde hinterlassen. An die mitternächtliche Eichhörnchenparade über unseren Köpfen haben wir uns relativ schnell gewöhnt. Nachdem man zuordnen konnte, woher die dumpfen Geräusche auf der Zeltplane im Dunkeln stammten (herabfallende Tannenzapfen) schliefen wir ein wenig ruhiger. Für alle die einen leichten Schlaf und vielleicht nicht so viele Erfahrungen mit dem Zelten haben, empfehlen wir Oropax. Bis zum letzten Tag sind wir nachts ab und an aufgewacht weil wir undefinierbare, tierische Geräusche neben unserem Zelt hörten. Es waren sicherlich nur maximal interessierte Waschbären, dennoch fällt einem das Einschlafen nicht mehr ganz so leicht wenn die Gedanken erst einmal kreisen.

Der krönende Abschluss war dann der Elchtest unseres Busfahrers. Nach wenigen Kilometern im Bus am Abreisetag legte der Fahrer eine recht abrupte Bremsung hin. Kurzer allgemeiner Verunsicherung folgte die freudige Erkenntnis, dass sich im Wald direkt an der Straße ein junger Elch herumtrieb. Diesen wollte uns der Busfahrer zeigen.  

Kurzer Funfact zum Schluss: Wer hätte gedacht, dass schwedisches Seewasser so gut für die Haut sein kann? Jeden Tag damit gewaschen und die Haut ist babyweich. Besser als jedes teure Beautyprodukt!

 

 

Fazit

 

Alternative Reisekonzepte wie die „Kanutour auf eigene Faust“ von Scandtrack sind definitiv nicht nur in Zeiten von Corona ein Erlebnis wert. In Schweden kamen viele Menschen mit scheinbar sehr unterschiedlichen Intentionen und Hintergründen zusammen. Wir sahen die klassischen Survival-Dudes, echte Sportskanonen aber eben auch Familienurlauber. Und dann waren da noch wir – die Genießer mit einer ausgeprägten Liebe zur Natur. Wir wussten von vornherein, für uns wird es kein Aufstehen um 6 Uhr morgens geben, wir werden mal mehr mal weniger Strecke am Tag zurücklegen und Zeit für einen guten Kaffee am Morgen muss immer sein. Lediglich die Anreise per Bus (in unserem Fall ab Hannover) würden wir so nicht noch einmal buchen. Die 14-stündige Fahrt inkl. der Nutzung von zwei Fähren war doch recht Energieraubend. Wahrscheinlich reisen wir beim nächsten Mal mit unserem eigenen Auto an.

 

Haben wir auf dieser Reise gefunden was wir wirklich gesucht haben? Abschalten, Rauskommen, die große Freiheit? Neun Tage Schweden liegen hinter uns. Eine Kanutour die einem mehr Freiheit kaum bieten kann - jede Nacht an einem neuen, spannenden Ort. Spektakuläre Sonnenuntergänge, Kochen über dem offenen Feuer und ein Morgenbad im kühlen See. Letztendlich braucht man doch so wenig um glücklich zu sein.

 

 

 

(Wir werden von keinen Marken für ihre Nennung bezahlt. Alle Produkte haben wir selbst gekauft.)

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Andrea Cours (Donnerstag, 27 August 2020 10:46)

    Ein toller authentischer Reisebericht. Ich freue mich schon auf weitere Berichte, bitte weiter so!

  • #2

    Anna Cours (Freitag, 28 August 2020 17:40)

    Ein sehr schöner Beitrag und toll geschrieben. Beim Lesen habe ich mich gefühlt, als wäre ich selbst mit dabei gewesen. Ich würde auch gerne mal eine solche Reise antreten. Bitte macht weiter so und lebt euren Traum!

  • #3

    Vitali__unterwegs_ (Dienstag, 08 September 2020 13:18)

    Ganz toller Bericht. Da bekommt man gleich Lust auf so eine Tour.